Asime Chasan Oglou ist Stipendiatin im Horizonte-Erzieherprogramm. Im Sommer 2013 hat sie sich erfolgreich für das Horizonte-Zusatzangebot für Auslandsaufenthalte beworben und wertvolle Erfahrungen in einer Krippe in Italien gemacht. Sie berichtet:

Die ersten Schritte

Ich hatte öfters darüber nachgedacht, im Ausland in einem Kindergarten oder einer Krippe zu arbeiten. Mitte April 2013 bekam ich eine Ausschreibung vom Horizonte-Team: Ein Zusatzangebot für einen Auslandsaufenthalt! Während ich diese Zeilen las, war meine Entscheidung bereits gefallen. Ich wollte nach Italien gehen, die Pädagogik von Maria Montessori und die Reggio-Pädagogik hautnah vor Ort erfahren und einen Blick über den Tellerrand werfen.

Mein Aufenthalt in Italien (Vicenza/in der Nähe von Verona) fand im September und Oktober 2013 statt. Italienisch konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Deshalb habe ich zwei kurze Sprach- und Vorbereitungskurse gemacht. So konnte ich mir einige Grundkenntnisse aneignen. Vor Ort habe ich mich aber auch oft mit Händen und Füßen verständigt.

Praktikum in einer italienischen Kinderkrippe: Aufgabenbereiche und Arbeitsklima

Nach Beendigung des Kurses hospitierte ich die restlichen drei Wochen in einer Kinderkrippe. Bevor die Hospitation anfing, musste ich bei der Leitung vorstellen. Das war sehr aufregend und schwierig. Meine Erwartungen an das Praktikum waren nicht besonders hoch gesteckt – ich rechnete also überwiegend mit simplen Arbeitsstrategien. Glücklicherweise wurde ich jedoch eines Besseren belehrt.

Von Beginn an wurde ich sehr herzlich aufgenommen und habe mich dank des familiären Arbeitsklimas von Anfang an geschätzt und gut aufgehoben gefühlt. Auch bei Fragen, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Praktikum standen, wurde ich jederzeit sehr gut beraten. Da die Kinderkrippe neu eingerichtet worden war, waren noch nicht so viele Kinder angemeldet. Es besuchten 6 bis 8 Kinder die Krippe und es waren immer zwei Erzieher anwesend. Die meisten Kinder waren auch noch in der Eingewöhnungsphase. Dies war nur positiv für mich, da ich in Ruhe erst einmal ankommen und mich mit einem Kind beschäftigen konnte.

Meine Tätigkeitsfelder waren abwechslungsreich und interessant. Trotz der Kommunikationsschwierigkeiten traute das Team mir viel zu, z. B. eigenständig kleine Aktivitäten durchführen. Ich wurde mit vielen, neuen Aufgaben vertraut gemacht, z. B. mit dem Erstellen von Essensplänen oder Anwesenheitslisten. Ich lernte neue Arbeitsweisen kennen, wie die Kommunikation und den Umgang mit Kindern, die Begleitung der Kinder, die Festgestaltungen über das Jahr oder die Durchführung von Projekten und Aktivitäten. In vielen Bereichen konnte ich Gelerntes aus früheren Praktika umsetzen bzw. meine Kenntnisse vertiefen, vor allem auch in sprachlicher Hinsicht.

Meinem Eindruck zufolge war das Arbeitsklima im Vergleich zum deutschen Arbeitsklima wesentlich entspannter und harmonischer. Zwar war jeder konzentriert bei seiner Arbeit, dennoch blieb zwischendrin immer noch Zeit für andere Arbeiten oder kleine Pausen. Bei Unklarheiten oder Fragen standen mir meine italienischen Arbeitskollegen jederzeit zur Verfügung. Ich hatte das Gefühl, dass jeder seine Arbeit gerne und mit viel Liebe verrichtet, was insgesamt sicherlich zu einem ruhigen und harmonischen Klima beigetragen hatte.

Die Reggio-Pädagogik in der Praxis: Meine Wahrnehmungen und Erfahrungen

Die Reggio-Pädagogik ist nach der Montessori-Pädagogik das zweite in Italien entwickelte pädagogische Konzept, das viel Einfluss auf die elementarpädagogische Praxis gewonnen hat. Die pädagogischen Handlungsstrukturen, die sich in den Reggio-Tageseinrichtungen für Kinder ausgeprägt haben, haben durchaus Beziehungen zu den pädagogischen Ideen, die Maria Montessori entwickelte: Zum Beispiel die Betonung der Freiheit, der Selbständigkeit und Eigentätigkeit des Kindes oder die Einschätzung des Kindes als "Konstrukteur" seiner eigenen Entwicklung. In der Einrichtung, in der ich hospitierte, hat das Team ein optimistisches Bild vom Kind. Sie sehen im Kind ein Wesen, das sich aktiv mit der sozialen Welt, mit seiner eigenen Person, seinem Körper, seinen Gefühlen und seinen Bedürfnissen auseinander setzt. So konnten die Kinder z. B. die Kinder selbst entschieden, wann sie essen wollten, sie hatten eine freie Wahl an Büchern, Spielsachen usw.

Die Räume der Einrichtung zeichnen sich durch Offenheit und Transparenz aus. Durch große, tief heruntergezogene Fensterflächen wurden optische Barrieren zwischen drinnen und draußen abgebaut. Die Krippe ist eine Art Aquarium: Kinder können jederzeit hinaussehen und von draußen haben die Leute einen Einblick, um zu verstehen, was da drinnen geschieht. Die Kinder wurden aufgefordert, die ganze Einrichtung (und ihr Umfeld) zu erkunden, um durch das Entdecken von Neuem Wissbegierde als eine wichtige Grundhaltung zu stabilisieren und um (immer wieder neu) Orte, Partner und Aktivitäten zu finden, von denen sie sich persönlich angesprochen fühlten. Durch Briefkästen für jedes Kind und durch Schlauchtelefone wird die Bereitschaft der Kinder zu kommunizieren noch verstärkt. In der Einrichtung gibt es ein kleines Atelier, in dem Bilder von Kindern hängen.

Sie sind zugleich Dokumente und Spiegel der Entwicklung der Kinder. Durch die Bilder sieht man, wie sie sich beim Ausprobieren und Erweitern ihrer eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten weiterentwickelt haben. Als Ressourcen und Impulse für das Stimulieren von Kinderaktivitäten, z. B. zum Thema Herbst, haben wir den Kindern Kastanien zur Verfügung gestellt. Sie durften diese mit allen Sinnen erfahren, waren dabei aktiv und ließen ihrer Phantasie freien Lauf. Sie bauten Häuser, stapelten die Kastanien oder füllten diese in Becher. Am nächsten Tag half ich der Erzieherin beim Basteln. Wir zeichneten mit den Kindern zusammen eine Kastanie auf ein Blatt und füllten die Kastanie mit Kaffeepulver.

Mein Fazit: „Die perfekte Mischung aus Arbeit und Spaß, Lernen und Erleben“

Ich habe meine Freizeit zum Reisen genutzt, um Vicenza und die Umgebung kennenzulernen. Ich besuchte Kunstmuseen und das Theater. Anfangs hatte ich keine Orientierung und habe mich auch öfters verfahren bzw. verlaufen. Man wächst jedoch schnell in das Land hinein, da die Menschen sehr gastfreundlich sind. Ich war in einer sehr netten Gastfamilie untergebracht und musste mich selbst versorgen, was aber nicht tragisch war, da ich sehr fasziniert vom italienischen Essen war. Ich werde immer gerne nach Vicenza zurückkehren, da ich mein Herz an dieses Stück Erde verloren habe. Diese Stadt, in der vieles nicht funktioniert, hat mich als Mensch verändert. Ich bin eine andere, viel offenere Person geworden, enorm gewachsen und habe viele gute Freunde gefunden, die mich am liebsten gar nicht mehr wieder gehen lassen wollten.

Die vier Wochen in Italien haben mir sowohl fachlich, sprachlich als auch interkulturell sehr viel gebracht. Ich habe den Krippen-Alltag in vielen Facetten kennen gelernt. Positiv fand ich, dass die Einrichtung sowie die Gastfamilie herzlich und familiär gewesen sind und dass die Arbeit mit den Kindern sich dabei immer an der Gesamtpersönlichkeit des Kindes unter Berücksichtigung seiner Bedürfnisse, Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten orientiert hat. Ich lernte schnell mit Eigenverantwortlichkeit umzugehen, vieles Wert zu schätzen was mir vorher nicht bewusst war, wie z. B. für mich selbst zu sorgen: Lebensmittel einkaufen, Essen zubereiten, Wäsche waschen usw., sich selbst zu organisieren und Strukturen zu erfassen. Ich habe viel über mich selbst, meine Kompetenzen, meine Stärken und Schwächen gelernt und habe vor allem meine Kenntnisse in einer weiteren Fremdsprache besonders gut erweitern können.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass es eine perfekte Mischung aus Arbeit und Spaß, Lernen und Erleben war. Ich habe gelernt, viele Dinge mit anderen Sichtweisen zu sehen und vieles gelassener anzugehen. Diese vier Wochen waren die schönsten meines Lebens und die beste Entscheidung, die ich für mich treffen konnte. Ich empfehle jedem, ein Praktikum im Ausland zu machen, denn es ist neben einer wundervollen Erfahrung auch ein Plus im Lebenslauf!