Horizonte-Stipendiaten und -Alumni drehen mit sechs Schülern des Goethe-Gymnasiums Frankfurt einen Dokumentarfilm über die Transkulturalität von Remigranten in Istanbul. Ein Projektbericht von Isil-Sevin Isikli, Adnan Mrkanovic und Subin Nijhawan:

Zur Idee: "Nirgendwo zu Hause - Überall zu Hause"

Die Idee geht zurück auf unsere Erfahrungen, die wir an den unterschiedlichsten Schulen gemacht hatten. Immer wieder fiel uns auf, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler oft allein auf Grundlage ihrer ethnischen Herkunft definieren, ohne sich bewusst zu sein, dass Menschen aufgrund der rasant passierenden Globalisierung multiple und sich ständig transformierende Identitäten haben. Trotz zunehmender Migrationsbewegungen, „ethnischer Mischehen“, globaler Kommunikationsmedien, eines sich weltweit öffnenden Arbeitsmarktes sowie noch nie dagewesener Reisemöglichkeiten hat sich dieses Identifikationsmuster tief ins Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler verankert. Vor diesem Hintergrund nahmen wir das „deutsch-türkische Rückkehrerphänomen“, das ein gewaltiges Medienecho ausgelöst hatte, zum Anlass, um mit sechs ausgewählten Schülerinnen und Schülern des Goethe-Gymnasiums in Frankfurt a. M. aktuelle Konzepte von Heimat, Kultur und Identität ethnographisch zu reflektierten und filmisch festzuhalten – in Istanbul, der Metropole zwischen Orient und Okzident, wie sie gerne genannt wird.

„Rückkehrer“, „Deutsch-Türken“ oder auch „Hochqualifizierte (Re)Migranten“: Vom Filmteam – welches neben den ausgewählten Schülerinnen und Schülern, den Horizonte-Stipendiaten bzw. den Alumni auch aus vielen ehrenamtlichen Helfern bestand –  wurden die in Deutschland aufgewachsenen, nach Istanbul migrierten, sprachlich kaum erfassbaren Persönlichkeiten interviewt: Was hat sie zu der Entscheidung bewegt, aus Deutschland nach Istanbul auszuwandern? Was genau sind ihre Motive für die Wahl des Wohnorts Istanbul? Entscheiden sie sich gegen die deutsche und für die türkische Kultur, oder wählen sie das Leben zwischen den Welten und behalten sie sich gar vor, wieder nach Deutschland zu „re-remigrieren“? Wie prägt das dynamische und vielseitige Istanbul ihre Identität? Kann Istanbul ihre „neue Heimat“ werden? Wie ist das Wechselspiel zwischen der Stadt und den Menschen?

Entstanden ist ein Dokumentarfilm, der anhand von Fallbeispielen Einblicke in das Leben von Menschen gewährt, die in einer globalisierten Welt leben und von unendlich viel Kultur geprägt sind. Eindrucksvoll schildern unsere Protagonisten ein Selbstverständnis über Heimat und Identität, welches Denkanstöße auslöst und die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland in einem neuen Licht zeigt.

Zur Projektreise

Für einen reibungslosen Ablauf vor Ort war natürlich eine gute Vorbereitung unerlässlich: Um die Interviews und Dreharbeiten in 8 Tagen (inklusive An- und Abreise) abschließen zu können, stellten wir vorab im Rahmen mehrerer vorbereitender inhaltlicher und technischer Workshops einen Terminplan zusammen.

Dank der Unterstützung von Almut Küppers, Goethe-Universität Frankfurt und Mercator-IPC Fellow in Istanbul, konnten wir bereits vor der Reise Kontakt zu unseren Interviewpartner herstellen und Termine vereinbaren. In zwei Gruppen aufgeteilt verließen wir jeden Morgen unsere Unterkunft im Stadtteil Sultanahmet, um jeweils 1-2 Termine wahrzunehmen. Wenn möglich, trafen wir uns zwischen den Terminen zum Mittagessen. Die Abende verbrachten die Schüler mit der Nachbereitung (wie beispielsweise der Sortierung vom Filmmaterial), während die Betreuer den Tag besprachen und den kommenden Tag planten.

Überschattet wurde die Reise von den Protesten um den Gezi-Park, welche aufgrund der Thematik unmittelbar mit dem Thema des Films zu tun hatten. Die Ereignisse stellten die Organisatoren der Reise vor eine große Herausforderung, da es schließlich auch um die Sicherheit des gesamten Filmteams ging. Letztendlich ist es trotz der unerwartenden Umstände gelungen, durch den eifrigen Einsatz aller Beteiligten, die Filmarbeiten durchzuführen.

Die Post-Produktion

Auch wenn die Tage in Istanbul äußerst anstrengend für alle Beteiligten waren, sollten wir erst danach verstehen, dass die Arbeit mit dem Filmen noch lange nicht getan ist, denn schließlich entsteht der eigentliche Film erst im Schnitt! In drei Monaten intensiver Arbeit neben Arbeit, Examen und Abitur stellten wir eine 43-minütige Dokumentation zusammen. Zusammen mit Christian Öhl, der inzwischen an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach (HfG) Film studiert, schnitten wir den Film in einigen Sitzungen, die bis spät in die Nacht andauerten und lösten zahlreiche technische Probleme. Neben den Schnittarbeiten standen die Gesamtabwicklung des Projektes, die Kommunikation mit allen Partnern und die allgemeine Organisation und Logistik - Aspekte, die für uns komplett neu waren im Vordergrund.

Ausblick

Nach der Filmpremiere in Kooperation mit dem Türkischen Filmfestival am 31.10.2013 im Frankfurter Cinestar Metropolis wurde der Film am 23.01.2014 ein weiteres Mal in der Goethe-Universität Frankfurt in Kooperation mit dem Institut für England- und Amerikastudien gezeigt.

Zwischenzeitlich wurde der Film von Subin Nijhawan ins Englische und von Isil-Sevin Isikli ins Türkische übersetzt, sodass er nun mit englischen und türkischen Untertiteln verfügbar ist. Mit der geplanten Endproduktion dieser multilingualen DVD ist das Projekt, dessen Ansatz sehr innovativ und dessen Ergebnis für Filmamateure in unseren Augen mehr als respektabel ist, mit großem Erfolg abgeschlossen.

Für die Teilnahme an Kurzfilmwettbewerben haben wir auch eine 20-minütige Kurzversion “Nebeneinander in Istanbul - Über eine Deutsche Schule in der Fremde” aus dem Film erstellt und haben den 3. Platz bei der letztjährigen Visionale Hessen (Dezember 2013) gewonnen. Wir reichen den Film weiterhin bei verschiedenen Filmfestivals und –wettbewerben ein, verteilen ihn an interessierte Institutionen und hoffen auf positive Resonanz.

Teaser: http://vimeo.com/71164465
Updates unter http://www.facebook.com/nirgendwoundueberallzuhause