Dieter Briesch macht eine Teilzeitausbildung zum Erzieher. 2013 wurde er in das Horizonte-Stipendienprogramm aufgenommen. Die Inhalte aus seiner ersten Lernwerkstatt konnte er unmittelbar in seinen Arbeitsalltag in der Kindertagesstätte einbringen. Er berichtet:

Meine erste Lernwerkstatt: Ein Feuerwerk der tollen Eindrücke

Durch meine erfolgreiche Bewerbung um ein Horizonte-Stipendium bei der Hertie-Stiftung komme ich in den Genuss der Lernwerkstätten. Meine erste Lernwerkstatt fand vom 24. – 27. Oktober 2013 in Friedrichsdorf / Taunus statt. Thema war die Partizipation in Kindertageseinrichtungen. Was uns erwartete, war eine Vielfalt an Ideen & Möglichkeiten der Beteiligung von Kindern an Entscheidungen, verknüpft mit tollen Methoden der Umsetzung. Besonders zu bemerken sind hier die Strukturen, die uns ein planvolles Vorbereiten der Prozesse aufzeigten sowie die Möglichkeiten der kindgerechten Dokumentation.

Gestärkt und überzeugt trat ich am letzten Tag meine Heimreise an. Viele Dinge gingen mir durch den Kopf. Wie kann ich dieses neue Wissen einbringen, wo gibt es Möglichkeiten der Weitergabe von Erfahrungen. Und immer wieder kam ich auf den Rat der Referenten zurück, die Sache in kleinen Schritten anzugehen. In der Einrichtung versuchte ich mich in der Praxis in kleineren Projekten. So führte ich eine Kinderkonferenz mit unseren Vorschulkindern zum Thema Kochen durch. Die Dokumentation des Verlaufs und des Ergebnisses führte ich kindgerecht mit Zeichnungen und Symbolen durch. Diese Verschriftlichungen präsentierten wir dann den Eltern, aber auch den anderen Erziehern.

Es ergab sich eine weitere Situation, die für das Thema Partizipation wie geschaffen war. Es ist aufgefallen, dass es für den hausinternen Bewegungsraum von Gruppe zu Gruppe unterschiedliche Regeln gab. Ich schlug vor, mit einem Kinderparlament zu versuchen Klarheit zu schaffen. Hier könne man demokratisch die Interessen aller Kinder erfassen und zu gemeinsamen Regeln zusammenfassen. Das gesamte Team war von der Idee überzeugt und wir machten uns gemeinsam auf diesen Weg.

Das Kinderparlament: Wir machen uns auf einen neuen Weg

Zunächst verfasste ich einen kleinen Leitfaden, nach welchen Kriterien die Kinderkonferenzen in den einzelnen Gruppen ablaufen sollten. Ziel dabei war einen etwa einheitlichen Standard zu schaffen, damit die Delegierten später auf dem gleichen Stand sind.

So wurden in den Gruppen Kinderkonferenzen zum Thema „Regeln im Bewegungsraum“ durchgeführt. Jede Gruppe sammelte Vorschläge, was in der Zukunft im Bewegungsraum unbedingt erlaubt (= Positivregeln) und was auf jeden Fall verboten (= Negativregeln) sein soll. Am Ende wählten die Kinder je 4 Punkte aus, die in der Delegiertenversammlung besprochen werden sollen.

Wahl der Delegierten: Demokratie in kleinen Köpfen

Nun überlegte sich jede Gruppe eine Methode zur Durchführung der Wahl. In meiner Gruppe erklärten wir den Kindern die Aufgaben eines Delegierten und fragten dann nach, wer so etwas gerne machen wollte. Von unseren 20 Kindern meldeten sich 13. Im nächsten Schritt hängten wir die Fotos dieser Kinder an eine Wand. Nun durfte jedes Kind der Reihe nach sich zwei Kinder aussuchen, welche Delegierte werden sollten. Dabei wurde jedes Kind einzeln befragt, damit keine Beeinflussung durch andere entstand. Am Ende standen zwei Kinder fest, die in die Delegiertenversammlung gehen sollten. Die beiden nahmen die Wahl gerne an.

Die Delegierten aller Gruppen wurden auf einem Plakat, welches im Flur der Einrichtung ausgehangen wurde, vermerkt.

Delegiertenversammlung

Ein paar Tage später luden wir zur Delegiertenversammlung ein. Anwesend waren je zwei Kinder aus der Sonnen-, Igel-, Mäusenest- und Maulwurfgruppe, sowie zwei Kinder aus der Nestgruppe Vogelnest. Außerdem war unsere Standortleitung und ich als Versammlungsleiter mit anwesend.

Die Kinder brachten ihre Plakate mit, die in den einzelnen Konferenzen entstanden sind. Da alle nach dem gleichen Prinzip dokumentiert hatten, konnten alle Kinder (außer Nestgruppe) die Plakate der anderen „lesen“. Und jetzt ergab es sich recht schnell, dass den Kindern Übereinstimmungen der einzelnen Plakate auffielen. Nun trugen wir auf einer neuen Liste die Übereinstimmungen zusammen, geteilt in Positiv- und Negativregeln. Den Part Positivregeln beschloss die Versammlung per Handzeichen im gesamten Paket. Über die Negativregeln ließen wir von den Delegierten im Einzelnen abstimmen.

Und hier erlebten wir etwas, was uns beinahe sprachlos machte. Während die Kinder der Nestgruppe dem Verlauf der Versammlung zunächst eher desinteressiert folgten, waren aber beide sofort auf dem Plan, als es darum ging, ob Bobby Cars oder Speisen mit in den Raum dürfen. Obwohl die Mehrheit dagegen stimmte, wollten die Jüngsten auf jeden Fall, dass diese Dinge mit hinein dürfen. Da die Nestkinder jeden Morgen ihre eigene Zeit im Bewegungsraum haben, legten wir fest, dass in dieser Zeit die Ausnahme gilt.

Die Ergebnisse der Wahl wurden auf einem großen Plakat im Eingangsbereich der Einrichtung für alle sichtbar ausgehangen.

Nun stellte sich die Frage, wie die neuen Regeln für die restlichen Kinder verständlich gemacht werden könnten. Man einigte sich darauf, dass die Ge- und Verbote als Schilder in den Bewegungsraum sollten. Eines der Kinder schlug vor, eine Vollversammlung mit allen Kindern der Einrichtung im Bewegungsraum zu machen, um dann das Ergebnis zu präsentieren.

Umsetzung und Präsentation

Wir trafen uns ein weiteres Mal mit den Delegierten, um die Schilder für den Bewegungsraum zu basteln. Anschließend legten wir im Team einen Termin fest, an dem alle Gruppen in den Bewegungsraum kommen könnten.

Und dann war es soweit. Alle Kinder der Einrichtung versammelten sich im Bewegungsraum. Die Delegierten präsentierten nach und nach die Schilder und erklärten den anderen Kindern deren Bedeutung. Alle Kinder hörten gespannt zu! Anschließend wurden die Schilder an der Wand angebracht und sind nun für alle sichtbar. Durch die Aushänge im Flur und an den Gruppen konnten die Eltern die Prozesse verfolgen und somit wurde unsere Arbeit sehr transparent. Verschiedene Eltern sprachen mich direkt an und berichteten  davon, wie begeistert die Kinder zu Hause erzählen.

Nach der Reflexion mit dem Gesamtteam wurde klar, bereits in der Vergangenheit viele Methoden der Partizipation angewendet wurden. Wir erkannten, dass das  Kinderparlament für viele Bereiche Anwendung finden kann. Unser nächstes Projekt soll im Außenbereich stattfinden. Wichtig ist jedoch, dass man die Methoden ständig reflektiert und weiterentwickelt.