Willi Remel, Horizonte-Stipendiat im Erzieher/innen-Programm, hat sich einer besonderen Herausforderung gestellt. Er hat durch das Horizonte-Zusatzangebot für Auslandsaufenthalte ein Praktikum in Thailand gemacht. Im folgenden Bericht erzählt er von seinen Erfahrungen:

Der pädagogische Ansatz

Die pädagogische Konzeption des Vereins, bei dem ich mein Praktikum gemacht, arbeitet mit dem Grundgedanken der Montessoriepädagogik „Hilfe zur Selbsthilfe“. Er verfolgt vor allem das Ziel, Menschen, insbesondere Kinder in Notlagen, in der Provinz Chiang Mai zu helfen und sie zu einem selbständigen Leben zu befähigen. Indem die Teilnehmer tägliche Aufgaben, wie beispielsweise Wäsche waschen, Essen zubereiten, Kleidung flicken etc. selbst machen, bereiten sie sich Stück für Stück auf ein eigenständiges Leben vor. Außerdem nutzt der Verein durch die beiden Waisenhaushunde eine tiergestützte Pädagogik. Die Erlebnispädagogik, wie auch der Situationsansatz, spielen im Alltagsgeschehen ebenso eine große Rolle.

Ich war beeindruckt, den Willen für den Einsatz in der Arbeit mit den vielen verschiedenen Vereins-Projekten (Kinder- und Jugendwaisenheim, Studentenheim, HIV Village, Prostituiertenarbeit, Behindertenprojekte, …) zu sehen. Denn trotz so geringer Mittel (Personal, Finanzen, Material) haben sie die Arbeit täglich mit Liebe und Engagement erledigt, was mich persönlich sehr motiviert hat.

Obwohl es aus meiner Sicht so viel weitere Arbeit und Not zu bekämpfen gab, herrschte eine Art „Stresslosigkeit“. Das begeisterte mich sehr, da ich es aus Deutschland anders kannte. Die Organisation war mir gegenüber sehr offen und hat mir Einblick in viele verschiedene Bereiche und Projekte gewährt, wodurch ich ein großes Spektrum von Sozialer Arbeit in Thailand sehen konnte. Ich war sehr beeindruckt, dass mir die Mitarbeiter so schnell vertraut und mir Verantwortung in verschiedenen Bereichen des Tagesablaufs und der Organisation übertragen haben. Ich habe die Anleitung in vielen Projekten, wie auch der Wochenendgestaltung übernehmen dürfen.

Mein Horizont hat sich erweitert

Täglich musste ich mich mit der fremden Kultur Thailands auseinandersetzen, wodurch ich stark geprägt wurde. Durch diese Erfahrungen habe ich von Zeit zu Zeit jedoch Kenntnisse im Umgang mit den Thais erworben. Ich gewann an Sensibilität in der Kommunikation und im allgemeinen Handeln gegenüber der Mitarbeiter und Teilnehmer. Der Einblick in das System eines Kinderheimes, der Vereinsführung, der Studentenheime und der Bergstammvölker, haben meinen Horizont in vielerlei Hinsicht erweitert. Da ich zu manchen Zeiten die Gesamtleitung des Kinderheimes hatte, musste ich mir zudem Führungskompetenzen aneignen. Dazu gehörten: Vorbereitung, Organisation, Koordination des Kinderheim- und Studentenlebens, Hausaufgabenbetreuung, Führung und Anleitung der Mitarbeiter.

In meiner Freizeit war ich des Öfteren in den Walking Streets (thailändische Einkaufsstrassen mit gefälschten Waren) unterwegs. Hier war immer etwas los. Ich traf auf viele verschiedene Verkäufer, darunter Inder, Burmesen oder Personen anderer asiatischen Herkunft. Einer von ihnen hieß Shanan. Jeden Tag saß er 15 Stunden in seiner Bude, um auf dieser schweren Weise Geld für seine Heimatfamilie und seine Zukunft zu verdienen. Er selbst hat sich dieses Leben nicht ausgesucht, sondern musste wegen des Geldmangels von zu Hause ausziehen. Das hat mir persönlich sehr zu schaffen gemacht. Meiner Ansicht nach ist das unfair. Ich selbst darf solch ein privilegiertes Leben führen, wofür ich sehr dankbar bin, aber eigentlich nichts dafür getan habe.

Was ich durch die Kinder gelernt habe

Die Liebe der Kinder im Projekt untereinander hat mich begeistert, genauso wie ihr friedliches, dankbares und wertschätzendes Verhalten zueinander, obwohl sie solch ein krasses Leben hinter sich haben. Denn jeder von ihnen wurde aus seiner Familie ausgestoßen und hat eine eigene harte Geschichte hinter sich. In der gesamten Praktikumszeit gab es bloß zwei Diskussionen bzw. Konflikte innerhalb der Teilnehmer, die für Probleme sorgten. Darüber hinaus dienten die Kinder mir und auch sich untereinander von Herzen demütig in so gut wie jeder Zeit. Sei es am Mittagstisch beim Essen servieren, bei Trauer, bei Freudenanlässen, Krankheit, Problemen, etc. Sie waren schon ab dem Alter von sechs Jahren sehr selbständig und wuschen ihre Kleidung in der Handwäsche, kochten schon Thai-Mahlzeiten und verdienten selbst auch schon durch einen Nebenjob ihr eigenes Geld.

Mein Fazit

Von meiner Praktikumsstelle in Thailand und von der Arbeit mit Jugendlichen, Kindern, Erwachsenen und Familien bin ich sehr begeistert und würde diese Stelle immer wieder wählen. Die Arbeit und die Erfahrungen im Kinder- und Jugendwaisenheim haben mich sehr stark geprägt und mir auch für meine eigene berufliche Zukunft weitergeholfen. Ich habe große Freude daran gehabt und durfte viel Neues kennenlernen. Des Weiteren konnte ich mein Leitungspotential entdecken und entwickeln.

Die unterschiedlichen und vielfältigen Arbeitsbereiche des Vereins Pure Heart, die enge Zusammenarbeit mit Menschen, die freie Gestaltung meiner Zeit innerhalb eines Projektes und gleichzeitig meine eigenständige Entwicklung, die daraus resultiert, sind für mich Gründe, einmal in einer ähnlichen Institution zu arbeiten. Insbesondere liegt mir soziale Arbeit mit Menschen am Herzen, die so dringend meine Zeit und Liebe benötigen, wie die Thais es gebraucht haben. Doch hierbei wünsche ich mir in meiner zukünftigen Stelle ein Team, welches dieselbe Sprache spricht. Denn meiner Ansicht nach kann man sich dadurch gegenseitig besser dienen und unterstützender zusammenarbeiten.